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Die Dichterin verschließt die Augen nicht vor der Wirklichkeit – nein, sie öffnet sie weit – und hat gerade deswegen hellsichtig einen Pakt mit der Zerbrechlichkeit geschlossen
Wie das wäre, wenn man es auch im Alter vermöchte: »sich hinaufschwingen in den Tag wie in der Kindheit«? Aber da ist die Bürde eines langen Lebens, da sind die unausweichlichen Fragen angesichts einer prekären politischen Weltlage, die das Einzelwesen niederzudrücken drohen. Trotz allem bekennen sich die neuen Gedichte von Leonor Gnos zu einem mutigen dennoch.
Dem Wechsel der Jahreszeiten folgend, geraten Vögel, Bäume, Blumen, Wind und Himmelskörper in ihr Blickfeld. Ihre im Vers lyrisch verknappten Erscheinungen überblendet Leonor Gnos gleichsam mit den Bewegungen des eigenen Schreibens, die sie seit Jahren wie eine Forscherin ergründet, weil sie weiß, dass die Auseinandersetzung mit dem Wort sie in den Turbulenzen trägt und hält.
In aller äußeren Schönheit ist immer auch eine Ahnung von Vergänglichkeit zu erspüren. So beschwört die Dichterin noch einmal die Gestalt eines verstorbenen Freundes und ihre Erinnerungen im Zeichen der »geflüchteten Sonnen« herauf. Aber welche Leichtigkeit atmet in diesen Gedichten, auch wenn ihre Inhalte die Spannung zwischen Lebenslast und Schwerelosigkeit auszuhalten haben! Frei herausgesagt: Sie versprechen poetischen Genuss, geht doch von ihnen eine Musikalität aus, deren Wirkung nachklingt.
Die Autorin
Leonor Gnos

Leonor Gnos, in der Innerschweiz geboren, lebt seit vielen Jahren in Frankreich – seit 2010 in Marseille, wo sie dem lyrischen Zirkel »Le Scriptorium« angehört.
Längere Aufenthalte im Ausland ermöglichten ihr den Erwerb mehrerer europäischer Sprachen. Sie absolvierte verschiedene Lehrdiplome und unterrichtete von 1988 bis 2009 in Paris. Dort begann sie, eigene literarische Texte zu schreiben, und veröffentlichte seither Gedicht- und Prosabände.
Im Herbst 2024 erschien in der edition bücherlese ihr Lyrikband Asphaltblüten.
Die Autorin steht für Lesungen zur Verfügung.
Foto © Roberto Conciatori